Legasthenie

Definition Legasthenie

Der Begriff Legasthenie umfasst gestörte schulische Leistungen im Bereich des Lesens und/ oder Schreibens, die deutlich unter dem auf Basis der Intelligenz zu erwartendem Niveau liegen. Eine allgemeine Lernbehinderung muss daher ausgeschlossen werden. Diese Störung ist weder eine Folge von mangelnden Lerngelegenheiten, neurologischen Erkrankungen (z.B. Seh- Hörbehinderung, Epilepsie usw.), Verlust bereits erworbenen schulischen Fertigkeiten (z.B. durch einen Unfall), inadäquatem Unterricht (z.B. Methodenfehler) noch einer emotionalen Störung (z.B. durch erzieherische Konflikte, familiäre Belastungen).

Rosenkötter nennt für die Legasthenie u.a. folgende mögliche Ursachen:

    » Legasthenie ist meist angeboren

    » Bei ca. 12% spielen prä-, per- oder postnatale entstandene Hirnschädigungen eine Rolle

    » Bei ca. 60 % handelt es sich um eine familiäre Disposition

Bei der Legasthenie handelt es sich um eine überdauernde Schwäche. Die Förderung dieser Kinder und Jugendlichen kann daher nur dem Ziel dienen, das Lesen und Schreiben in Teilbereichen zu verbessern und möglichen sekundären Folgen entgegenzuwirken. Legasthenie ist damit also nicht „heilbar“.

Definition Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS)

Der Begriff LRS umfasst gestörte schulische Leistungen im Bereich des Lesens und/ oder Schreibens, die unter dem auf Basis der Intelligenz zu erwartendem Niveau liegen. Mögliche Ursachen sind u.a. inadäquater Anfangsunterricht, emotionale Störungen im Kindheitsalter (z.B. Verlust eines Elternteils, Störungen von familiären Beziehungen), Fehlhörigkeit oder Sehstörungen.

Bei der LRS handelt es sich um eine vorübergehende Schwäche, die wie oben beschrieben, durch unterschiedliche Ursachen hervorgerufen werden kann. Je nach diagnostizierter Ursache müssen hier ggf. zum einen die Ursachen behandelt werden, zum anderen müssen die Defizite in der Schriftsprache durch adäquate schulische/ außerschulische Förderung ausgeräumt werden. Eine LRS kann je nach Ursache und Förderung in einem bestimmten Zeitraum „behoben“ werden.

Kernsymptomatiken

Häufig wird z.B. das Vertauschen von b und d als typischer „LRS-/Legastheniefehler“ genannt. Doch einen Nachweis über typische Fehlerkategorien gibt es nicht. Vielmehr kann gesagt werden, dass schlechte Rechtschreiber mehr Fehler machen als gute. Dennoch kann es im individuellen Fall sein, dass bestimmte Fehlergruppen gehäuft auftreten.

Rechtschreibprobleme sind demnach nicht nach Fehlerkategorien gekennzeichnet, sondern durch einen oder mehrere der folgenden Punkte:

  • Hohe Fehlerzahl bei ungeübten und zum Teil auch bei geübten Diktaten

  • Fehlerhäufungen bei Abschreibübungen

  • Grammatik- und Interpunktionsfehler

  • Unleserliche Schrift

Leseprobleme sind nicht immer nur an der Häufung von Fehlern zu erkennen, sondern oftmals auch an der Zeit, die zum Lesen eines Textes benötigt wird. Folgende Schwächen werden beim Lesen primär beobachtet:

  • Auslassen, Ersetzen oder Hinzufügen von Worten und Wortteilen

  • Niedrige Lesegeschwindigkeit

  • Ersetzen von Wörtern durch ein semantisch ähnliches Wort

  • Mangelndes Leseverständnis

  • Verlieren der Zeile im Text

Sekundärsymptomatiken

Viele Kinder mit Legasthenie bzw. LRS sind bis zur Einschulung unauffällig und freuen sich wie andere Kinder auch sehr auf die Schule, um dort Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Umso größer sind dann die Enttäuschung und der Frust, wenn dieses trotz intensivstem Üben nicht gelingen will.

Das legasthene Kind beginnt zu leiden und versteht nicht, was mit ihm anders ist als bei den anderen Kindern. Oftmals stellen sie für sich die Diagnose: „Ich bin doof.“

Psychische Probleme werden aber erst dann auffällig, wenn die Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben zu allgemeinen schulischen Nachteilen führen. Das Kind fühlt sich im Unterricht und bei den Hausaufgaben überfordert, wird vielleicht von den Mitschülern gehänselt und von den Lehrern oftmals irrtümlich für minderbegabt gehalten. Jegliches Verständnis und Unterstützung fehlen. Häufig kommt es dann zu folgenden psychischen und erzieherischen Schwierigkeiten:

»Allgemeines schulisches Versagen

Wenn auch das Schreiben und das Lesen bei anderen schulischen Fächern wie Sachkunde, Religion aber auch bei mathematischen Textaufgaben benötigt werden.

»Lernunlust

Die Kinder haben es schwer, sich auf die Hausaufgaben zu konzentrieren, zögern es hinaus, damit zu beginnen; alles Lesen und Schreiben ist anstrengend und führt trotz aller Bemühungen doch zu schlechten Noten; nicht nur für die Kinder wird ihre Situation zu einem Problem, oftmals entstehen hieraus auch innerfamiliäre Konflikte, vor allem in der Hausaufgabensituation.

»Psychosomatische Störungen

Wird der Schulalltag zu einer Qual, so zeigen diese Kinder häufig körperliche Symptome wie Bauchschmerzen, Übelkeit, Kopfschmerzen bis hin zum Einnässen. Diese Symptome verschwinden häufig zum Wochenende, beginnen aber wieder zum Wochenbeginn.

»Erziehungsschwierigkeiten

Nicht nur in der Hausaufgabensituation, sondern auch im allgemeinen sozialen Verhalten zeigt sich bei diesen Kindern häufig die schulische Überforderung; sie verweigern die Mitarbeit, spielen den Klassenclown, ärgern Geschwister oder andere Mitschüler; einige Kinder ziehen sich aber auch völlig zurück, werden ganz still und wirken in sich gekehrt.

Die Liste der Schwierigkeiten und Auffälligkeiten lässt sich nahezu endlos erweitern. Wenn sekundäre Symptome beim Kind beobachtet werden, sollte direkt gehandelt und zur Ursachenklärung eine medizinische und/oder psychische Diagnostik veranlasst werden.

 

Handhabung des LRS-Erlasses NRW

RdErl. d. Kultusministeriums v. 19.7.1991

(GABI.NW S. 174) bereinigt

§ 1.ff Lesen und Schreibenlehren:

Die Schule hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alle Kinder tragfähige Grundlagen im Lesen und Rechtschreiben erwerben. In der Sek. I müssen Lese- und Rechtschreibsicherheit kontinuierlich weiterentwickelt werden. Bei besonderen Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Rechtschreibens (LRS) sind besondere Fördermaßnahmen notwendig. Das pädagogische Kernstück der Arbeit der Lehrerinnen/des Lehrers besteht darin, beim Kind eine positive Lernstruktur zu erhalten oder aufzubauen. Alle Fördermaßnahmen können nur in einer ermutigenden Lernsituation wirksam werden. (§ 1.3) Die Schule muss die Voraussetzungen für das Lesen- und Rechtschreiblernen gezielt fördern.

Allgemeine Voraussetzungen für den Lese-Schreibprozess sind:

  • Ein individuell verlaufender Lernprozess
  • Die Sprach- und Sprechfähigkeit
  • Die visuelle und auditive Wahrnehmung
  • Die motorische Koordinationsfähigkeit
  • Lernfreude
  • Selbstvertrauen
  • Konzentrations- und Merkfähigkeit
  • Intellektuelle Neugierde und Denkfähigkeit
  • Der Umgang mit Misserfolgen

§ 2.ff Förderung bei LRS

Um Kinder mit besonderen Schwierigkeiten im Erlernen des Lesens und Schreibens gezielt fördern zu können, ist es hilfreich, das Bedingungsgefüge der LRS möglichst genau zu kennen. (§2.1)

Die bloße Feststellung des Ausmaßes von Versagen reicht nicht aus. Bei einer LRS-Förderung ist der Rat eines besonders erfahrenen Kollegen oder einem Schulpsychologen einzuholen.

Die Förderung soll beinhalten: geeignete Maßnahmen zur Schulung der

  • Grob-, Fein- und Graphomotorik
  • Visuelle und auditive Wahrnehmung
  • Sprachlichen Fähigkeiten
  • Merkfähigkeit und Konzentration

Gefördert werden soll durch:

  • Innere Differenzierung
  • Individuelle Hilfen
  • Lautgebärdensprache
  • Motivierendes Lernmaterial
  • Wecken der Lesefreude

Jede Fördermaßnahme muss auf ihren Erfolg hin überprüft werden. Eventuell müssen Methoden und Konzepte geändert werden.

Die konsequente positive Rückmeldung auch kleiner Lernfortschritte ist erforderlich, um die Lernbereitschaft des Schülers zu erhalten!! (§ 2.5)

§ 3.ff Zusätzliche Fördermaßnahmen werden notwendig

  • in den Klassen 1 und 2, wenn grundlegende Ziele nicht erreicht wurden

  • in Klassen 3 bis 6, wenn Leistungen den Anforderungen (s. §25 Abs.1 Nr.5 Allgemeine Schulordnung - BASS 12-01 Nr. 2) nicht entsprechen

  • in den Klassen 7 - 10, falls die Schwierigkeiten bis dahin nicht behoben werden konnten

Leistungsfeststellung und -beurteilung bei Kindern, die zusätzliche Fördermaß- nahmen be­dürfen in den Klassen 3 bis 6 und in begründeten Einzelfällen in den Klassen 7 - 10:

Klassenarbeiten:

Bei Arbeitenkönnen andere Aufgaben gestellt werden. Von der Benotung kann abgesehen werden und anstelle mit einer Bemerkung versehen werden, die den Lernstand aufzeigt und zur Weiterarbeit ermutigt.

Die Rechtschreibleistungen werden nicht in die Beurteilung der schriftlichen Arbeiten im Fach Deutsch oder in einem anderen Fach miteinbezogen. Dies gilt auch in den Fremdsprachen!! (§ 4.1/2)

Zeugnisse:

Die Rechtschreibleistung ist im Fach Deutsch zurückhaltend zugewichten.

Versetzung:

Bei der Versetzung oder bei der Vergabe von Abschlüssen dürfen die Leistungen im Lesen und Rechtschreiben nicht den Ausschlag geben.

Weiterführende Schulen:

Erbringen Kinder eine angemessene Gesamtleistung, so sind ihre Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben kein Grund, sie für den Übergang in die Realschule oder das Gymnasium als nicht geeignet zu beurteilen.

§ 5.0 Eltern sind über das Bedingungsgefüge der LRS ihres Kindes und über Fördermaßnahmen ausführlich zu informieren!

Die Überwindung der Lernschwierigkeiten wird durch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eltern erleichtert.