Dyskalkulie

Definition Dyskalkulie

Unter Dyskalkulie (ICD-10) versteht man die Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine eindeutig unangemessene Beschulung erklärbar sind. Das Defizit betrifft die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division, weniger die höheren mathematischen Fertigkeiten, die für Algebra, Trigonometrie, Geometrie und Differential- sowie Integralrechnung benötigt werden.

Definition Rechenschwäche

Unter Rechenschwäche versteht man die Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die durch nicht eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine eindeutig unangemessene Beschulung erklärbar sind.

Kernsymptomatiken

Es wird allgemein davon ausgegangen, dass die Ursachen für Minderleistungen im mathematischen Unterricht breit gefächert sind. Die zu vermuteten Ursachen der Rechenschwäche sind:

  • Das Zusammenspiel unterschiedlicher Funktionen läuft nicht reibungslos ab, z.B. räumliche Orientierung, auditive und visuelle Wahrnehmung oder das Zusammenwirken von Wahrnehmung und Motorik

  • Eine Entwicklungsphase wurde gestört, die für die Verinnerlichung von Zahlbegriffen und mathematischen Operationen entscheidend sind, oder methodisch bedingte Dyskalkulie

  • Psychisch bedingt: Durch Ängste bei Misserfolgen

  • Dyskalkulie dürfte vererbt werden, da sie innerhalb von Familien gehäuft auftritt

Der internationale Klassifikationskatalog (ICD-10) der Welt­gesundheitsordnung definiert unter der Ziffer F 81.2 die Rechenstörung als eine „umschriebene Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Defizit betrifft vor allem die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten, wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division ...“.

Das Kind hat demnach eine mindestens durchschnittliche Intelligenz. Die Rechenleistungen liegen jedoch eindeutig unterhalb dessen, was man aufgrund seines Alters und der Intelligenz erwarten würde.

Schwierigkeiten bereiten schon die Grundrechenarten und eine Rechenstörung tritt bereits in den ersten Schuljahren auf. Kurz nach Beginn der Schulzeit erkennen Eltern und Kinder Mathematik als Problemfach. Hausaufgaben und Übungszeiten sind unerträglich lange und die Motivation verliert sich sehr schnell. Doch in der Regel werden erst im Laufe des dritten Schuljahres die Auffälligkeiten so offensichtlich, dass weitere Hilfe gesucht wird. Hausaufgabensituationen eskalieren, Noten verschlechtern sich rapide; die Kinder verlieren den Anschluss an den Mathematikstoff völlig.

Die Schwierigkeiten, die auftreten können, sind sehr unterschiedlich und individuell. Es ist daher schwer, typische Fehler darzustellen. Die nachfolgenden Hinweise sind nur eine Orientierung:

  • Fehlende oder unsichere Koppelung von Menge, Zahlwort, Ziffer

  • Raumlagelabilität: 9 und 6 werden vertauscht, die Zahlen (insbesondere 3 oder 1) spiegelverkehrt geschrieben

  • Bei der Addition oder Subtraktion werden die Finger immer wieder zur Hilfe herangezogen

  • Häufigster Fehler ist das Verzählen um 1

  • Verwechselt: + und –

  • Der Hinweis, die Aufgabe mithilfe der Umkehrung zu berechnen, löst meist völliges Unverständnis aus

  • Situationen in Textaufgaben werden nicht erfasst und können auch nicht in Rechenaufgaben wiedergegeben werden

Dyskalkuliker verstehen die Konzepte, die einer bestimmten Rechenoperation zugrunde liegen, nicht. Das Rechnen im Zehnerraum bereitet bereits Schwierigkeiten, 20er und 100er-Räume werden gar nicht mehr erfasst. Aber auch das Prinzip der Multiplikation ist nur unzureichend oder gar nicht verstanden. Dass 4 x 5 = 20 ergibt, wird in der Regel durch das Aufsagen der einzelnen 5er-Schritte gelöst. Dyskalkulische Kinder haben allerdings nicht verstanden, dass 4 mal die Menge 5 gesucht wird. Deutlich wird das Nicht-Verstanden-Haben der Multiplikation, wenn man die Schüler bittet, eine Zeichnung zur Aufgabe 4 x 5 anzufertigen. Beobachtbar ist das Unwissen über die Multiplikation aber häufig erst bei der Division. Das Einmaleins wird in der Regel auswendig gelernt, ohne den Sinngehalt der Multiplikation verstanden zu haben. Die Division, als Umkehrung der Multiplikation, bereitet die höchste Stufe der Schwierigkeiten bei den 4 Grundrechenarten. Betroffene Kinder haben kaum eine Vorstellung, was eine Division bedeutet. Sie rechnen willkürlich, bis es nach ihrem subjektivem Empfinden „passen könnte“. Eine nahezu unlösbare Situation stellen die Platzhalteraufgaben dar. Hinter dieser Aufgabenstellung stecken sehr viele unterschiedliche Schwierigkeitsmomente. Der Hinweis, die Aufgabe mithilfe der Umkehrung zu berechnen, löst meist völliges Unverständnis oder schematisches Anwenden aus. Offensichtlich falsche Ergebnisse werden nicht erkannt.

Ein weiteres Erscheinungsbild ist der Mangel im Verständnis mathematischer Ausdrücke oder Zeichen. Ausdrücke wie mehr-weniger, dazu-weg, Hälfte-Doppelte, Teil-Ganzes können nicht in entsprechende Operationen umgesetzt werden. Es zeigen sich Schwierigkeiten im Verständnis, welche Zahlen für das in Betracht kommende arithmetische Problem relevant sind. Die Zahlen werden willkürlich kombiniert und in beliebige Rechenoperationen verwandt. Das Verständnis für Zeit, Längen, Maße und Gewichte fehlt völlig. In höheren Klassenstufen wird die Bruchschreibweise nicht erfasst.

Mengen und Zahlbeziehungen in Form von Rechenoperationen werden in Mathematik in unterschiedlichen Symbolen wie Ziffern und Rechenzeichen ausgedrückt. Das Nichtwieder­erkennen und Anwenden numerischer Symbole kann als weiteren Hinweis auf eine Rechenstörung genannt werden. Betroffene Kinder verwechseln zum Beispiel die Rechenarten, haben Schwierigkeiten, Zahlen in die richtige Reihenfolge zu bringen oder Dezimalstellen während des Rechenvorgangs einzusehen, sind ebenfalls beobachtbar. Rechenfehler im Zusammenhang mit dem Zahlenlesen oder dem Umgang mit Stellenwert- bzw. Positionssystem bei schriftlichen Rechenverfahren sind typisch.

Es lassen sich noch unzählige Beispiele nennen. Jeder Betroffene hat sein eigenes Fehlerprofil.

Sekundärsymptomatiken

Viele Kinder mit Dyskalkulie (Rechenschwäche) sind bis zur Einschulung unauffällig und freuen sich wie andere Kinder auch sehr auf die Schule, um dort Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Umso größer sind dann die Enttäuschung und der Frust, wenn dieses trotz intensivstem Üben nicht gelingen will.

Das rechenschwache Kind beginnt zu leiden und versteht nicht, was mit ihm anders ist als bei den anderen Kindern. Oftmals stellen sie für sich die Diagnose: „Ich bin doof.“

Psychische Probleme werden aber erst dann auffällig, wenn die Schwierigkeiten im Rechnen zu allgemeinen schulischen Nachteilen führen. Das Kind fühlt sich im Unterricht und bei den Hausaufgaben überfordert, wird vielleicht von den Mitschülern gehänselt und von den Lehrern oftmals irrtümlich für minderbegabt gehalten. Jegliches Verständnis und Unterstützung fehlen. Häufig kommt es dann zu folgenden psychischen und erzieherischen Schwierigkeiten:

 

»Lernunlust

Die Kinder haben es schwer, sich auf die Hausaufgaben zu konzentrieren, zögern es hinaus, damit zu beginnen; das Rechnen ist anstrengend und führt trotz aller Bemühungen doch zu schlechten Noten; nicht nur für die Kinder wird ihre Situation zu einem Problem, oftmals entstehen hieraus auch innerfamiliäre Konflikte, vor allem in der Hausaufgabensituation.

»Psychosomatische Störungen

Wird der Schulalltag zu einer Qual, so zeigen diese Kinder häufig körperliche Symptome wie Bauchschmerzen, Übelkeit, Kopfschmerzen bis hin zum Einnässen. Diese Symptome verschwinden häufig zum Wochenende, beginnen aber wieder zum Wochenbeginn.

»Erziehungsschwierigkeiten

Nicht nur in der Hausaufgabensituation, sondern auch im allgemeinen sozialen Verhalten zeigt sich bei diesen Kindern häufig die schulische Überforderung; sie verweigern die Mitarbeit, spielen den Klassenclown, ärgern Geschwister oder andere Mitschüler; einige Kinder ziehen sich aber auch völlig zurück, werden ganz still und wirken in sich gekehrt.

 

Eine ausführliche und differenzierte Diagnostik von Fachleuten (Psychiater, Psychologen, Sonderschullehrer) ist daher unabdingbar.